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zu Arques: HVs

Bericht über die Arques AG Hauptversammlung vom 5. August 2009

Die hier gegeben Informationen treffen keine Aussage über Kauf- oder Verkaufsabsichten. Darüber hinaus sagen sie nichts über Beteiligungen des Phönix-BörsenBriefes selbst noch naher Dritter aus.
Autor: Matthias Wahler, Veröffentlichungsdatum: 15.09.2009
 
 
Ist das Geschäftsmodell gescheitert?

Es gibt wohl kein anderes börsennotiertes Unternehmen, bei dem die Meinungen der Anleger in den letzten Jahren so weit auseinander gingen wie bei der ARQUES Industries AG. Die einen sahen in dem Geschäftsmodell, sanierungsbedürftige Firmen zu günstigen Konditionen, ja oft sogar zu einem symbolischen oder negativen Kaufpreis zu übernehmen, zu sanieren und teuer weiterzuverkaufen, die Lizenz zum Geld drucken. Andere waren von Anfang an überzeugt, dass diese Strategie früher oder später scheitern muss und sehen sich nun bestätigt, nachdem das Starnberger Unternehmen im vergangenen Jahr in eine schwere Krise geraten ist.

Management-Fehler mit schuld an der Krise

Vorstand und Aufsichtsrat bewerten das Geschäftsmodell hingegen immer noch als intakt. Sie verwiesen auf der Hauptversammlung am 5. August 2009 auf die Auswirkungen der schweren Wirtschaftskrise, von denen die ohnehin schwachen Unternehmen im Portfolio natürlich besonders betroffen waren. Sie räumten aber auch Management-Fehler ein. So informierte der Aufsichtsratsvorsitzende Georg Obermeier, dass in den letzten Jahren für einige Beteiligungen zu hohe Preise gezahlt und noch erhebliche Mittel investiert wurden, die Sanierung aber dennoch scheiterte, was jetzt erhebliche Wertberichtigungen erforderlich machte. Das Hauptproblem war offenbar, dass der Vorstand bei Unternehmenskäufen und -verkäufen lange Zeit völlig freie Hand hatte. Erst seit kurzem ist bei Transaktionen ab einer gewissen Größenordnung die Zustimmung des Aufsichtsrats erforderlich.

Neue Führungsriege soll das Unternehmen retten

Gerne hätten die rund 200 anwesenden Aktionäre den für die Misere verantwortlichen Personen die Leviten gelesen - die alte Führungsriege hat sich aber schon lange von ARQUES verabschiedet. In der Schlossberghalle in Starnberg saßen vier neue Vorstandsmitglieder auf dem Podium, die aus der schwierigen Situation nun das Beste machen sollen. Interessant ist, wo ihre Vorgänger gelandet sind: Die beiden Gründer Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, die im Jahr 2002 aus der insolventen AG Bad Salzschlirf die heute ARQUES geformt haben, haben sich inzwischen mit dem Wettbewerber Blu-O am Markt etabliert. Und Ex-Vorstand Dirk Markus ist Vorstandsvorsitzender des börsennotierten Sanierers Aurelius, mit dem Anfang 2008 sogar einmal Gespräche bezüglich einer Übernahme geführt wurden. Letztlich kamen aber offenbar beide Seiten zur Erkenntnis, dass ein Zusammenschluss im Moment wenig Sinn machen würde.

Fehlbetrag von 130 Mio. Euro

Der neue Chef von ARQUES heißt nun Hans Gisbert Ulmke. Er gehört dem Vorstand seit Februar 2009 an, wurde einen Tag vor der Hauptversammlung zum Vorstandsvorsitzenden berufen und soll das Schiff wieder auf Kurs bringen. Bei seinem ersten Auftritt musste er den Aktionären allerdings verheerende Zahlen für das Geschäftsjahr 2008 präsentieren. Zwar konnte der Konzernumsatz von 2,1 auf enorme 5,5 Milliarden Euro nochmals mehr als verdoppelt werden. Dennoch verwandelte sich der Jahresüberschuss von 115 Mio. Euro aus 2007 in einem Fehlbetrag von 130 Mio. Euro. Schuld daran ist vor allem die Regelung nach IFRS, wonach zwingend Zuschreibungen auf die Wertansätze von Beteiligungen vorgenommen werden müssen, wenn die Vermögenswerte den gezahlten Kaufpreis übersteigen – dies war bei ARQUES angesichts der oftmals nur symbolischen Preise regelmäßig der Fall. Realistisch sind diese bilanziellen Wertmehrungen - Fachausdruck „Bargain Purchase“ - allerdings nur, wenn es tatsächlich gelingt, die übernommene Firma schnell in die Gewinnzone zu bringen – ansonsten müssen die Werte wieder korrigiert werden.

Bargain Purchase verzerrt das Bild

In 2008 mussten die Starnberger deshalb Wertberichtigungen von enormen 134 Mio. Euro auf verschiedene Beteiligungen vornehmen. Den größten Anteil daran hatten mit zusammen 71 Mio. Euro der Automobilzulieferer Eurostyle und die österreichische Textilhandelskette Schöps, die besonders unter der Wirtschaftskrise leiden. Weitere Abschreibungen wurden überwiegend auf die Beteiligungen weberbenteli, Rohner, Anvis und Sommer vorgenommen. Vorstandschef Ulmke betonte indes, dass diese Wertberichtigung nicht zwingend einen Verlust für ARQUES bedeuten muss. Er zeigte dies am Beispiel der Beteiligung Rohner auf, die bei einem symbolischen Kaufpreis von 1 Euro für 6,75 Mio. Euro verkauft werden konnte. Da zwischenzeitlich eine erhebliche Zuschreibung vorgenommen worden war, war im Jahresabschluss 2008 aber dennoch eine Wertberichtigung von 12,3 Mio. Euro erforderlich. Anders ausgedrückt heißt dies, dass die Gewinne der vergangenen Jahre zumindest zum Teil nicht wirklich existiert haben.

Abbau der Verbindlichkeiten…

Infolge des hohen Jahresfehlbetrags schmolz das Eigenkapital im vergangenen Jahr von 401 auf 263 Mio. Euro und die Eigenkapitalquote reduzierte sich auf nur noch 15 %. Um die Bilanzrelationen wieder zurecht zu rücken, begann das neue Vorstandsteam deshalb schon länger mit der Optimierung des Portfolios, sprich der Veräußerung von Beteiligungen zum Abbau der Finanzverbindlichkeiten. Nachdem die Gruppe Anfang 2008 noch 24 Beteiligungen umfasste, waren es zur Hauptversammlung nur noch 13 Gesellschaften. Aus Gründen der Beherrschbarkeit und Übersichtlichkeit will Ulmke das Depotvolumen auch künftig auf maximal 15 Werte begrenzen.

… durch Beteiligungsverkäufe

Zur Veranschaulichung der Transaktionen präsentierte der Vorstandsvorsitzende eine Grafik, aus der hervorging, dass in der ersten Jahreshälfte 2008 mit Missel, Oxiris und Jahnel-Kestermann drei Transaktionen, die jeweils zu einem symbolischen Kaufpreis erworben worden waren, nun einen schönen Veräußerungsgewinn abwarfen. Damit sieht er bewiesen, dass das Geschäftsmodell in „normalen“ Zeiten durchaus funktioniert. Zumeist wurden die Beteiligungen aber aus Gründen der Risikoreduzierung zu symbolischen Preisen abgegeben. Immerhin gelang es, die Finanzverbindlichkeiten von 240 Mio. Euro Anfang 2008 auf aktuell noch 150 Mio. Euro abzubauen. Dennoch betrug die Eigenkapitalquote zum Ende des zweiten Quartals 2009 nur noch magere 11 Prozent.

Tiscon AG wenige Tage nach Veräußerung insolvent

Kritisch sahen die Aktionäre im Zusammenhang mit den Verkäufen die Geschehnisse um die tiscon AG, die nur wenige Tage nach dem Verkauf an einen russischen Investor Insolvenz anmeldete. Genau so war dies vor einigen Jahren schon bei der Arquana AG, was einige Redner nicht verstehen konnten - das Scheitern gehört zum Geschäftsmodell schließlich dazu und die Insolvenz fällt so kurze Zeit nach dem Verkauf trotzdem auf ARQUES zurück. Wie der Vorstand erklärte, gibt es durchaus Beispiele, bei denen nach dem Verkauf einer Beteiligung an einen neuen Investor doch noch die Rettung gelungen ist. Oftmals hat der Käufer andere Möglichkeiten, beispielsweise lokale Beziehungen zu Banken oder Investoren, und damit Zugang zu frischem Geld oder er bringt neue Ideen ein, die das Geschäft zum Laufen bringen. Bei Tiscon gab es offenbar ebenfalls die Hoffnung auf Rettung, die sich jedoch nicht erfüllt hat.

Weiterhin als Käufer aktiv

Großen Wert legte der Vorstand auf die Aussage, dass ARQUES derzeit nicht nur Beteiligungen veräußert, sondern auch weiterhin als Käufer am Markt auftritt. Beispielsweise erwarben die Sanierer den britischen Autoglasspezialisten Auto Windscreens und die British School of Motoring, der größten Fahrschule der Insel. Nachdem große Konzerne bemüht sind, ihr Portfolio auf die Kernaktivitäten zu fokussieren, könnten sich nach Einschätzung des Vorstands aus der Krise sogar Chancen für ARQUES ergeben. Wichtig ist allerdings, dass die Unternehmen möglichst zu einem symbolischen Preis erworben werden können und niedrige Bankschulden aufweisen, um die Bemühungen zum Schuldenabbau nicht zu unterlaufen. Von der Größenordnung her will Ulmke Unternehmen mit einem Umsatzvolumen zwischen 30 Mio. Euro und 1 Milliarde Euro erwerben.

Tochter Gigaset auf gutem Weg

Im Mittelpunkt sollen für ARQUES zunächst aber weniger Zukäufe, sondern die verstärkte Konzentration auf Kosteneffizienz und Risikominimierung und die Absenkung der Holdingkosten stehen. Zudem muss in den noch im Portfolio befindlichen Beteiligungen das Geschäft trotz Wirtschaftskrise stabilisiert werden. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die ehemalige Siemens-Tochter Gigaset, an der ARQUES seit August 2008 mit 80,2 % beteiligt ist und die zurzeit die größten Kapazitäten bindet. Die Restrukturierung dieser Tochter läuft offenbar nach Plan und nach Bewertung aller Assets konnte im vierten Quartal 2008 bereits ein Bargain Purchase von knapp 82 Mio. Euro verbucht werden. Nachdem sich diese Gesellschaft im Juni dieses Jahres von der defizitären Breitband-Sparte getrennt hat, erwartet Ulmke für 2009 nochmals einen kleinen Verlust und für 2010 dann wieder ein positives Ergebnis.

Actebis-Gruppe für mindestens 40 Mio. Euro verkauft

Von der Actebis-Gruppe, die lange Zeit die größte Beteiligung darstellte, hat sich ARQUES inzwischen getrennt. Der ITK-Distributor wurde am Tag vor der Hauptversammlung an die Droege Capital GmbH aus Düsseldorf veräußert, die für dieses Unternehmen mindestens 40 Mio. Euro zahlt und zudem die noch bestehenden Restkaufpreisverbindlichkeiten von 37,5 Mio. Euro übernimmt; damit kann die Verschuldung der Gruppe weiter reduziert werden. Zudem waren sich die Herren der Verwaltung und die Aktionäre schon länger einig, dass die sehr große Actebis nicht so recht ins ARQUES-Portfolio passte und ein erhebliches Klumpenrisiko bedeutete. Mit dem erzielten Preis zeigte sich aber auch der Vorstandsvorsitzende nicht recht zufrieden.

Ist der Turnaround gelungen?

Dennoch ist er ebenso wie seine Kollegen überzeugt, dass diese Transaktion ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg der Gesundung für ARQUES war. Den Turnaround sieht er schon als gelungen an, was sich im Kursverlauf der Aktie nur noch nicht widerspiegelt. Für das Gesamtjahr erwartet er einen Konzernumsatz deutlich unterhalb des 2008er-Wertes und noch einmal ein negatives Ergebnis. 2010 soll dann aber wieder ein Jahresüberschuss erwirtschaftet werden. Noch befinden sich jedoch viele Beteiligungen in einer schwierigen Situation und die Schuldenlast drückt. Zwar kann die Aktie nach ihrem heftigen Absturz durchaus schnell wieder anziehen. Das Risiko ist aber enorm und letztlich kann ein Investment mit Blick auf die hohe Verschuldung und die kritische Liquiditätssituation wohl nur als heiße Wette bezeichnet werden.

Hauptversammlungspräsenz nur 7,08 %

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Aktionärsstruktur. Auf der Hauptversammlung betrug die Präsenz lediglich 7,08 %, wobei erwähnt werden muss, dass der Oppenheimer Funds mit seiner Beteiligung von 8,5 % wegen angeblicher Versäumnisse bei den Meldepflichten nicht zugelassen war - einige Teilnehmer vermuteten hier ganz andere Gründe. Der größte anwesende Aktionär war damit der Investor Mantra Investissments SCA mit einer Beteiligung von 3 %. Dieser hatte schon im Vorfeld der Hauptversammlung den Gegenantrag gestellt, drei eigene Leute in den sechsköpfigen Aufsichtsrat zu entsenden. Tatsächlich erhielten dessen Kandidaten auch die einfache Mehrheit der Stimmen. Die nach der Satzung der ARQUES AG vorgeschriebene Mehrheit von zwei Dritteln erreichte aber nur einer von insgesamt zwölf Vorschlägen, weshalb die übrigen Mitglieder im Nachgang über das Gericht bestellt werden mussten.

 
Wichtiger Hinweis: Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
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